Jesu Liebe ist nicht exklusiv, sondern inklusiv
Er durchbricht kulturelle, religiöse und soziale Grenzen
Die Frage, ob das Prinzip des Ordo Amoris mit der christlichen Nachfolge Jesu vereinbar ist, ist spannend und hat in der Geschichte der Theologie immer wieder Diskussionen ausgelöst. Der Ordo Amoris, wie ihn Augustinus formulierte, besagt, dass Liebe eine geordnete Struktur haben muss – Gott an erster Stelle, dann der Nächste in einer gestuften Priorität. J.D. Vance betont in diesem Zusammenhang besonders die Vorrangstellung der eigenen Familie, der eigenen Gemeinschaft und des eigenen Landes.
Ordo Amoris und Jesu Lehre
Jesus selbst spricht über eine Hierarchie der Liebe – allerdings auf eine herausfordernde Weise. In Lukas 14,26 sagt er: „Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein eigenes Leben hasst, so kann er nicht mein Jünger sein.“
Diese radikale Formulierung zeigt, dass die Liebe zu Gott und die Nachfolge Jesu alles übertrifft – selbst natürliche Bindungen wie die zur Familie. Auch in Matthäus 12,48-50 erweitert Jesus das Konzept der Familie: „Wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“
Das scheint dem Ordo Amoris, wie ihn Vance versteht, zumindest teilweise entgegenzustehen. Jesus stellt die Nachfolge über jede natürliche Loyalität. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass er die Verantwortung für Familie oder Mitmenschen leugnet – aber er verschiebt den Fokus von einer bloß natürlichen Ordnung zu einer geistlichen Ordnung.
Was ist mit der Selbstverleugnung?
Die christliche Ethik betont oft das „Sich-selbst-Verleugnen“ (Lukas 9,23). Das kann in Spannung zum Gedanken des Ordo Amoris stehen, wenn dieser dazu führt, dass man sich vorrangig um die eigenen Leute kümmert und den Dienst an anderen – besonders den Schwachen und Fremden – hintanstellt. Jesus selbst lebte eine radikale Offenheit für alle, auch für Außenseiter, Samariter, Feinde und gesellschaftlich Verachtete.
Lässt sich die These vertreten?
Man könnte argumentieren, dass der Ordo Amoris durchaus christliche Züge trägt, wenn er nicht egoistisch verstanden wird, sondern als ein verantwortliches Handeln in der jeweils gegebenen Lebenssituation. Niemand kann überall gleichzeitig helfen, und es ist natürlich, dass man zuerst dort wirkt, wo man direkten Einfluss hat – Familie, Freunde, Gemeinde. Das Problem entsteht, wenn diese Ordnung dazu genutzt wird, um eine Begrenzung oder Abwertung anderer Gruppen zu rechtfertigen.
Die Herausforderung für einen Jünger Jesu bleibt:
- Die natürliche Verantwortung für Familie und Gemeinschaft nicht zu vernachlässigen (1. Tim 5,8: „Wer für die Seinen nicht sorgt, hat den Glauben verleugnet“).
- Gleichzeitig nicht in eine Haltung zu verfallen, die die universale Liebe Gottes einschränkt und Fremde oder Notleidende aus dem Blick verliert (Lukas 10,29-37: das Gleichnis vom barmherzigen Samariter).
Fazit
Eine christliche Sichtweise auf den Ordo Amoris muss sich daran messen lassen, ob sie Jesu radikales Liebesgebot (Matthäus 22,37-40) gerecht wird. Wenn der Ordo bedeutet, dass Familie und Nation wichtiger sind als das universelle Liebesgebot, dann ist das schwer mit Jesu Nachfolge vereinbar. Wenn er hingegen als praktische Weise verstanden wird, wie Liebe in Verantwortung umgesetzt wird, ohne die universale Dimension zu verlieren, dann kann er eine sinnvolle Orientierung sein.
Wenn der Ordo Amoris in einer Weise verstanden wird, die zu einer Begrenzung von Liebe führt – indem er bestimmte Gruppen bevorzugt und andere ausgrenzt –, dann widerspricht er dem zentralen Gebot Jesu: der universellen Nächstenliebe.
Jesu Liebe ist nicht exklusiv, sondern inklusiv. Er durchbricht kulturelle, religiöse und soziale Grenzen:
- Er spricht mit der Samariterin am Brunnen (Johannes 4), obwohl Juden und Samariter Feinde waren.
- Er lobt den römischen Hauptmann für seinen Glauben (Matthäus 8,5-13).
- Er macht den barmherzigen Samariter (Lukas 10,29-37) zum Vorbild – nicht den Priester oder den Leviten.
- Er fordert seine Jünger auf, nicht nur ihre Freunde, sondern auch ihre Feinde zu lieben (Matthäus 5,43-48).
Ein tribalistischer, völkischer Ordo Amoris ist also ein Widerspruch zum Evangelium, wenn er dazu dient, Mauern zwischen Menschen zu errichten. Er kann vielleicht als pragmatische Orientierung für Verantwortlichkeiten dienen, aber sobald er zur Rechtfertigung von Gleichgültigkeit gegenüber Fremden oder Bedürftigen wird, verfehlt er das, worum es Jesus geht.
Das Christentum hat immer wieder mit dieser Spannung gerungen – zwischen der natürlichen Zugehörigkeit zu Familie, Volk und Nation und der universalen Botschaft Jesu. Gerade in unserer heutigen Welt, in der nationalistische Strömungen oft mit „christlichen Werten“ argumentieren, ist es umso wichtiger, sich an der radikalen Offenheit Jesu zu orientieren.
Es ist eine Spannung, die sich nicht leicht auflösen lässt – besonders, weil der Ordo Amoris auf den ersten Blick so vernünftig erscheint: Natürlich kümmern wir uns zuerst um unsere Familie, dann um unsere Gemeinschaft. Doch sobald daraus eine Rechtfertigung für Abgrenzung, für das Ausblenden von Not außerhalb unserer unmittelbaren Kreise wird, gerät er in Konflikt mit Jesu radikalem Liebesgebot.
Vielleicht könnte eine hilfreiche Antwort darin bestehen, nicht nur abstrakt über Prinzipien zu reden, sondern konkret nach dem „nächsten Schritt“ zu fragen:
Wen soll ich heute lieben? Nicht als abstrakte Theorie, sondern als lebendige Nachfolge.
Wo erfordert Gottes Liebe, dass ich aus meiner „natürlichen Ordnung“ heraustrete? Jesus hat das immer wieder getan – und seine Jünger herausgefordert, es auch zu tun.
Wie bewahre ich Verantwortung für die mir Nächsten, ohne mich vor der Welt zu verschließen?
Vielleicht liegt die Antwort gar nicht in einem endgültigen „Ja oder Nein“ zum Ordo Amoris, sondern in der Frage: Wie verhindert man, dass er zur Ausrede für Gleichgültigkeit wird?
Der US-amerikanische Vizepräsident J.D. Vance sprach in einem Interview über das alte christliche Konzept des Ordo Amoris (geordnete Liebe). Zuerst solle man sich um seine Familie, dann um seine Freunde, dann um seine Mitbürger und erst danach um alle anderen kümmern. Dieses Prinzip gelte auch für die Politik. In dieser Folge diskutieren Nicolas, Oliver und Niklas über dieses Prinzip und fragen, ob diese Perspektive tatsächlich „christlich“ ist oder nicht.